Ein Problem, das uns alle betrifft
In Deutschland werden jaehrlich rund 11 Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen. Das ist eine Zahl, die man sich kaum vorstellen kann. Umgerechnet sind das etwa 75 Kilogramm pro Person und Jahr. Davon entfallen rund 59 Prozent auf die privaten Haushalte, also auf uns alle. Das Bundesministerium fuer Ernaehrung und Landwirtschaft hat sich zum Ziel gesetzt, die Lebensmittelverschwendung bis 2030 zu halbieren. Aber die Realitaet zeigt: Es geht nur langsam voran. Die gute Nachricht ist: Jeder einzelne Haushalt kann sofort etwas aendern. Und das Beste daran: Wer weniger wegwirft, spart automatisch Geld. Laut Studien wirft der durchschnittliche deutsche Haushalt pro Jahr Lebensmittel im Wert von 230 bis 340 Euro weg. Das ist Geld, das Sie genauso gut fuer andere Dinge ausgeben koennten — oder eben einfach behalten.
Warum werfen wir so viel weg?
Die Gruende sind vielfaeltig, aber ein paar Muster ziehen sich durch. Erstens: Wir kaufen zu viel. Im Supermarkt greifen wir grosszuegig zu, weil alles gut aussieht und die Angebote verlockend sind. Zu Hause stellen wir dann fest, dass wir gar nicht so viel essen koennen, wie wir gekauft haben. Zweitens: Wir planen schlecht. Ohne Essensplan fuer die Woche kaufen wir planlos ein und haben am Ende Zutaten, die nicht zusammenpassen. Drittens: Wir verwechseln das Mindesthaltbarkeitsdatum mit dem Verfallsdatum. Das Mindesthaltbarkeitsdatum sagt nur, bis wann der Hersteller die volle Qualitaet garantiert. Danach ist das Produkt meistens noch einwandfrei geniessbar — oft noch Tage, Wochen oder sogar Monate. Trotzdem landen viele Produkte am Tag nach dem MHD im Muell. Das ist nicht nur Verschwendung, sondern auch voellig unnoetig.
Richtig einkaufen: Weniger kaufen, weniger wegwerfen
Der wichtigste Schritt gegen Lebensmittelverschwendung passiert nicht in der Kueche, sondern im Supermarkt. Wer gezielt einkauft, hat zu Hause weniger uebrig. Das beginnt mit einem Essensplan: Setzen Sie sich am Wochenende hin und ueberlegen Sie, was Sie in der kommenden Woche essen wollen. Schreiben Sie die Zutaten auf eine Liste und kaufen Sie nur das, was darauf steht. Klingt simpel, macht aber einen riesigen Unterschied. Achten Sie im Laden darauf, die Mengen realistisch einzuschaetzen. Brauchen Sie wirklich das Kilo Tomaten, oder reichen 500 Gramm? Muessen es drei Paprika sein, oder tut es auch eine? Besonders bei frischem Obst und Gemuese neigen wir dazu, zu viel zu kaufen. Es sieht so schoen aus im Regal — und liegt zwei Tage spaeter verschrumpelt im Kuehlschrank. Nehmen Sie sich lieber vor, zweimal pro Woche frische Sachen nachzukaufen, als einmal alles auf Vorrat zu kaufen.
Richtig lagern: So bleiben Lebensmittel laenger frisch
Falsche Lagerung ist einer der Hauptgruende, warum Lebensmittel vorzeitig verderben. Und die richtige Lagerung ist nicht kompliziert — man muss nur ein paar Grundregeln kennen. Tomaten gehoeren nicht in den Kuehlschrank, denn Kaelte zerstoert ihr Aroma und beschleunigt den Verderb. Brot haelt am besten in einem Brotkasten oder eingefroren in Scheiben — im Kuehlschrank wird es dagegen schneller altbacken. Bananen reifen schneller, wenn sie neben Aepfeln liegen, weil Aepfel Ethylen abgeben. Kartoffeln und Zwiebeln sollten getrennt voneinander gelagert werden, dunkel und nicht zu warm. Im Kuehlschrank gilt: Milchprodukte gehoeren in das mittlere Fach, Fleisch und Fisch ins unterste, kalteste Fach, und Kaese in die spezielle Kaesebox, falls vorhanden. Obst und Gemuese gehoeren ins Gemuese-Fach ganz unten. Die Verbraucherzentrale auf lebensmittelklarheit.de bietet ausfuehrliche Lagertipps fuer praktisch jedes Lebensmittel.
Das Mindesthaltbarkeitsdatum richtig verstehen
Mindestens haltbar bis — das ist der entscheidende Wortlaut. Mindestens. Es heisst nicht schlecht ab oder giftig nach. Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist eine Garantie des Herstellers, dass das Produkt bis zu diesem Datum seine volle Qualitaet behaelt. Danach kann es sein, dass der Joghurt etwas saurer wird oder die Chips nicht mehr ganz so knackig sind. Aber gesundheitsschaedlich ist das Produkt deshalb nicht. Bei vielen Produkten ist das MHD extrem konservativ angesetzt. Eier sind in der Regel noch zwei bis drei Wochen nach dem MHD geniessbar — machen Sie den Wassertest: Wenn das Ei im Wasser sinkt, ist es noch gut; wenn es schwimmt, sollten Sie es entsorgen. Joghurt ist oft noch Wochen nach dem MHD einwandfrei. Konserven halten quasi ewig. Nutzen Sie Ihre Sinne: Sehen, riechen, schmecken. Wenn das Produkt normal aussieht, normal riecht und normal schmeckt, ist es fast immer noch gut. Das einzige Datum, bei dem Sie keine Kompromisse machen sollten, ist das Verbrauchsdatum bei Fleisch und Fisch. Das steht in der Regel als zu verbrauchen bis auf der Verpackung, und an dieses Datum sollten Sie sich tatsaechlich halten.
Reste verwerten statt wegwerfen
Reste sind kein Problem — sie sind eine Gelegenheit. Mit ein bisschen Kreativitaet lassen sich aus Resten neue Gerichte zaubern, die oft sogar besser schmecken als das Original. Uebriger Reis wird am naechsten Tag zur Reispfanne mit Gemuese und Ei. Altes Brot wird zu Paniermehl, Brotsalat oder Armen Rittern. Ueberreife Bananen sind perfekt fuer Bananenbrot oder Smoothies. Gemuese, das nicht mehr ganz frisch aussieht, kann in eine Suppe oder einen Eintopf wandern. Der Trick ist, Reste nicht als Abfall zu sehen, sondern als Zutat. Fuehren Sie eine Reste-Box im Kuehlschrank, in der Sie alle angebrochenen Sachen und uebrig gebliebenen Portionen sammeln. Schauen Sie dort zuerst rein, bevor Sie etwas Neues kochen. So verhindern Sie, dass Lebensmittel hinten im Kuehlschrank vergessen werden und irgendwann unappetitlich aussehen.
Too Good To Go und andere Rettungs-Apps
Wenn Sie Lebensmittelverschwendung nicht nur im eigenen Haushalt reduzieren wollen, sondern auch bei Restaurants und Geschaeften, gibt es mittlerweile einige gute Apps dafuer. Die bekannteste ist Too Good To Go. Ueber die App koennen Sie ueberschuessiges Essen von Baeckereien, Restaurants, Supermaerkten und Hotels zu einem Bruchteil des Normalpreises kaufen. Eine typische Ueberraschungstuete kostet zwischen 3 und 5 Euro und enthaelt Lebensmittel im Wert von 10 bis 15 Euro. In deutschen Grossstaedten ist das Angebot inzwischen riesig. Das Konzept ist einfach: Statt das uebrige Essen am Ende des Tages wegzuwerfen, verkauft der Laden es guenstig ueber die App. Der Laden verdient noch etwas daran, Sie bekommen guenstiges Essen, und nichts landet im Muell. Das ist eine echte Win-Win-Situation. Auch andere Apps und Initiativen wie Foodsharing setzen sich gegen Lebensmittelverschwendung ein. Bei Foodsharing koennen Sie ueberschuessige Lebensmittel kostenlos abgeben oder abholen — das laeuft komplett auf ehrenamtlicher Basis.
Einfrieren — die unterschaetzte Rettung
Der Gefrierschrank ist das wichtigste Werkzeug im Kampf gegen Lebensmittelverschwendung. Fast alles laesst sich einfrieren: Brot in Scheiben, Suppen und Eintopfe in Portionen, Obst fuer Smoothies, Krauter in Eiswuerfelformen mit etwas Oel, Kuchenreste, vorgekochte Gerichte, selbst Milch und Kaese. Der Schluessel ist, die Sachen sofort einzufrieren, wenn Sie merken, dass Sie sie nicht rechtzeitig aufbrauchen werden — nicht erst, wenn sie schon halb schlecht sind. Beschriften Sie die Behaelter mit Datum und Inhalt, damit Sie den Ueberblick behalten. Die meisten eingefrorenen Lebensmittel sind drei bis sechs Monate haltbar, manche deutlich laenger. Wenn Sie am Wochenende groessere Mengen kochen, frieren Sie die uebrigen Portionen direkt ein. So haben Sie unter der Woche immer selbstgekochtes Essen griffbereit und muessen nicht auf Fertiggerichte zurueckgreifen.
Was der Handel tun kann — und was er bereits tut
Auch der Einzelhandel hat erkannt, dass Lebensmittelverschwendung ein Problem ist — nicht zuletzt, weil weggeworfene Ware auch fuer die Haendler Geld kostet. Viele Supermaerkte reduzieren Ware kurz vor dem MHD deutlich im Preis. Rewe und Edeka haben dafuer eigene Regale eingerichtet. Lidl und Aldi kleben rote Rabattaufkleber direkt auf die Verpackung. Einige Haendler arbeiten mit Too Good To Go zusammen, andere spenden ueberschuessige Lebensmittel an die Tafeln. Das Bundesministerium fuer Ernaehrung foerdert verschiedene Initiativen gegen Lebensmittelverschwendung, darunter die nationale Strategie Zu gut fuer die Tonne. Das Ziel: Bis 2030 soll die Verschwendung auf Einzelhandels- und Verbraucherebene halbiert werden. Ob das klappt, haengt auch davon ab, wie wir als Verbraucher mit unseren Lebensmitteln umgehen. Jeder einzelne Haushalt zaehlt.
Eine einfache Rechnung zum Schluss
Lassen Sie uns kurz rechnen. Wenn Sie durch bewussteres Einkaufen, bessere Lagerung und kreativere Resteverwertung nur die Haelfte der Lebensmittel retten, die Sie sonst wegwerfen wuerden, sparen Sie im Jahr zwischen 115 und 170 Euro — pro Person. Fuer eine vierkoepfige Familie sind das 460 bis 680 Euro im Jahr. Das ist ein Kurzurlaub, eine neue Waschmaschine oder zwolf Monate Streaming-Abos. Und nebenbei tun Sie etwas fuer die Umwelt, denn weniger Lebensmittelverschwendung bedeutet weniger CO2-Emissionen, weniger Wasserverbrauch und weniger Landnutzung. Es gibt wenige Bereiche, in denen Geld sparen und Umwelt schuetzen so eng zusammenhaengen wie bei der Lebensmittelverschwendung. Fangen Sie heute an: Schauen Sie in Ihren Kuehlschrank, machen Sie einen Essensplan fuer die Woche und kaufen Sie nur das, was Sie wirklich brauchen. Ihr Geldbeutel und die Umwelt werden es Ihnen danken.